Die Rose

Warum ist denn

die Rose dornig,
so duftig sie die
Liebe verspricht.

So sann das Kind
und zeigte
seine Wunde.

Die Mutter
hauchte seine Hände an
und schrieb unhörbar
diese Stunde,
mit leisem Lächeln,
in den Tageslauf
hinein.

r. h.

Die Taufe

Im Körper

neu begründen,
was wirkt
im Knochenbau.
Der kühle Bach
von Sonnenlicht bestrahlt –
füsse
seinen Weg.

Der Seele
Irrtumswunde
– in Raumes
Spiegelsaal verdreht –
ruft am Fenster,
ruft die Wolken,
flehet an.

Herz,
in Kapharnaum’s Stunde,
nächtlich schimmernd,
das Wasser
einst Ihn trug –
füsse
seinen Weg.

r. h.

Stadt

In der Stadt, wo 
einmal die Herzlosen
an der Macht,
lebte ich mit Hölderlins 
Ode an die Kindheit.
Am Anfang jeden Tages

war ich und fühlte
ich wie dieses Kind.
Von Osten her wehte
ein kalter
grauer Wind.
Ungelöstes Schicksal
der Vielen.
Kaleidoskopisch
zersprengter Tod.
Abgeschnittene Haare,
ausgerissene Zähne
und Berge von Schuhen.
Nahe meiner Wohnung
lag ein Zettel.
Darauf lese ich:
„Haben sich verkrochen
die Worte…
es sich selbst angetan.“
Jeden Dienstag frühmorgens
werden die Mülltonnen geleert.
Geratter und Geschleppe
über den Hinterhof.
Bin wach bevor sie kommen.
Höre zu und denke -
vielleicht hat einer
dieser Männer den
Zettel geschrieben.

r. h.

 

Früh-linge

Seid ihr es
Früh-linge,
die unter uns
wandeln
mit wundem
Halsschnitt als
Auferstehungszeichen
eurer Gemeinschaft.
Seid ihr die
Dahingerissenen,
für die wir
ewig weinen.
Ihr, die
Indigo-gefärbten,
die am
Gleises Ende
durch leisen Gesang
dem Hässlichen
entgegen tratet.

r.h.

 

Berlin S-Bahn

S-Bahn Bellevue

Obdachlose
gepflegtes Sprechen
danke für ihre Aufmerksamkeit.
Kreuzberg
Aidskranker mit Gehstock
Lederbecher in der Hand
Gott segne euch für 20 Cent
und schaute aus der Grube
seines Leibes.
Charlottenburg,
spende Blut
-groß geschrieben-
Russe spielt Trompete
wieder 20 Cent.
Grünewald
denke an Tischgespräch.
Kind lächelt
Schönes deutsches Brot.
Schlachtensee
Vorbote des Vergangenen
in der Ecke ein Mann,
gefesselt
Schweiß-Ausbruch.
Ausstieg Wannsee
Nebel
keine Seele in der Luft
blau-säuriges Schimmern
der noch immer
anhaftenden Dämonen.

 

 

Eine Leiter in der Nacht.

Es wird gesagt
einmal ein Wort
gekreuzigt ward,
zwei Daumen
tief ins Holz.
Wie kann das sein,
ein Wort genagelt fest
auf einen Balken.
Der Barbesitzer nebenan
behauptet seine Frau
- das sagte er als Scherz-
besitze einen Hammer,
womit sie Worte
schlagen kann.

Letztens rief mich
auf der Strasse jemand zu.
Ich hielt an.
Ein Auto raste
an mir vorbei.
War da eine Leiter
In der Nacht,
eine Lampe?

r. h.

 

Athenes Blick

Unter meine Haut
die Schiffbrüche Odysseus,
die Lieder des Pelepones
und Athenes ewiger Blick.

Wie weit muss ich gehen
Bevor ich meine Schritte wieder höre,
die Lieder gesungen werden und das
Kraut der Berge meine Sinne beglückt.
Wer hat mir die Türe des
Heimkommens an sich gerissen.
Welche Versprechung wurde
nicht eingelöst.

Leer ist das Haus,
geschändet das Bett meiner Liebe.
Taub sind die Lieder,
Blind mir der Blick.

r. h.

Morgenlicht

Als een blinde man
vroeg ik mijn bed
of het sneeuwde.
Azuurblauw smaakte
het eerste morgenlicht.
Om je hals legde ik
in gedachten
een kristallenband
van herinneringen.

De nacht schoof
aan tafel
en zwijgend aten we
het brood
van deze dag.

r.h.

Lazarus

Meine Tasse ist
längs durchgesägt.
Wie trocken
ist mein Mund.
Gewaschen hab ich
- das war
vorgestern-
des Nachbars Füße
auf einer Wiese
grün.

Grau
schaute Er durch
die Fenster
meines Hauses.

Später sah
ich mich selbst
im Bette liegend,
eingewickelt wie
Lazarus.

In der Küche
tropfte
der Wasserhahn
goldene Schatten.

r.h.

 

Krieg

Lass’ uns die
schwangeren Frauen
aufschneiden.
Die Palästinenser
umbringen,
einfach alle.
Die Juden ins Meer
treiben,
sie sollen ertrinken.

Die zu breite
Hüfte der Tutsi-Frauen
abhacken,
damit sie schöner
aussehen.

Die Mädchen erschießen,
die die Ehre der
Familien verletzten.

Lass’ uns deren
Brüder zu Helden
verklären, weil sie
den Geist im Gewande
der Frau
ehrvoll verteidigten.

Heben wir die Gläser
für die
siebentausend Männer,
die in Srebrenica
unter dem wachsamen Auge
der blauäugigen
Blauhelme
bei heiterem Himmel
ins Jenseits
versetzt wurden.
Lass’ uns das Buch
zu Ende schreiben
wie einst Johannes
auf Patmos,
aber dieses Mal am
stählernen Tor, wo
Menschen verachtende

Worte,
„Arbeit macht frei“,
den Füßen des
Geschlechtes Abrahams
die letzte Hoffnung
nahmen.

Asche auf mein Gesicht,
Asche auf meine Hände
und Essig macht die Runde.

Aus der Ferne,
näher kommend,
unaufhörliches Gehämmer
und Holz-Kreuz-
Geschleppe am Berge
Golgatha.

Robert Hogervorst

Biegen (Selbstgespräch)

Biege eine Gerade.

He du,
der Pfeil ist
längst nicht weg.

Biege weiter und
der Dinge Lauf
spiegelt sich in
deinen Augen.

Biege auch
den Kreis und schon
erahnt dein Kopf
die Schwelle, die
zu überschreiten
gähnt.

Nun rasch und Feuer
angemacht,
biege ohne Bleistift
auch die Kugel.

r.h.

Grad.

Ich habe immer

diesen Mann gesucht.

Wie heißt Du Bruder,

damit ich 

deinen Namen,

an jenem Ort, 

wo dein Blick

noch kurz verweilte,

rufe.

 

Komme wieder,

und lerne uns

den Grad

zu meistern.

 

 z/e Photobild. Erschießung 

Ukrainische Jude. 1941

 

Erdkante

Am Rande des Sterbens
bin ich gegangen.
An jene Erdkante,
wo das Echo
nicht widerhallte.

Das Auge erloschen war,
das Ohr nicht
mehr hörte,
die Hände vergessen
und Füße
verbrannt am
lodernden Blei.

Ich,
Herz, Sinn und Hirn,
umnachtet
von der erhabenen Größe
der Finsternis.

Anfang des Weges-
Stern deiner Seele.

r.h.

Elohim

Watend in der
Spiegelung
meines Körpers,
wähnte ich drüben
ein Gestalt zu sehen.

„Schwimm“,

rief er mir zu.
Schon verloren
meine Füße
den Boden auf welchem
sie gegangen.

Mit jedem
Schwimmzug
buchstabierte ich
und mit jedem weiteren dazu,
den Namen meines Körpers.

Bald spürte ich
festen Grund
und sah in meines
Augenwinkel
wie der Mond
gen Himmel stieg.


r.h.

Doppelgänger

Bist du mir
mein Schatten
in enger Gasse,
Spiegelbild im
Aufzug der Ereignisse.

Bin ich nicht
wie du
Gottes ureigene
Prothese
vom Worte abgeschnitten.

Weder oben noch unten
gilt deine Gestalt
noch Klammern am

Treibholz erträgt
deinen Blick.

Tiefer als die Nacht
den Riss du ziehst, wo

Haut und Himmel sich berühren.
Schwelle, die uns
zweimal sterben lässt.


r.h.

Die Verfolgten

Manchmal frage ich mich,
sind die Engel
noch immer tätig,
haben sie es
nicht aufgegeben, die
zersprengten Teile
der Erinnerung derjenigen,
die durch den
Zyklon-B Tod
ihr Ende fanden,
zusammen zu suchen.

Dass sie,
die so grausam starben,
dennoch im Seelenleib
erwachen können:

O unbeschreibliches Ereignis.

Es herrschte das Rudel
der Nicht-Menschen
zwölf lange Jahre über
das gesunkene
Europa.

Die Engel.
Ich sehe ihre
tief hängenden Flügel und
ihren niedergeschlagenen
Blick.

Ihren Status haben
Sie abgegeben
an die Millionen,
damit die Bestohlenen
ihren Lebensfaden
wieder aufgreifen können.

Seitdem wandern
die von Gott Gesandten
ohne Flügel
unsichtbar unter uns.

Feuerrot sind sie,
wie einst das Mädchen
im roten Kleid,
die im Ghetto von Krakau
unbehelligt davon lief,
während die Schlachter
die Menschen aus Ihren
Häusern zerrten.

Es wird erzählt, dass
einen Mann sie sah
am Ende der Straße.
Unentschieden blieb er stehen.

Das Mädchen rannte
weg.

Seitdem, sternenlos
die Nacht,
mit schwerem Schlag
in seinem Herzen pocht


r.h.

Ermordet

Als sie Ihre
Haut abrissen,
duftete im Hof
der Geruch
von frischem Brot.

Schmerz öffnete
ihren Geist
mit Gewalt.
Blut floss
in der Gruft.

O Vater,
gib mir Finsternis.
O Vater,
gib mir Luft.

 

r.h.

Marie Rose Boulos gewidmet.
Ermordet 1976 Beirut.

 

Der Vater

Auf das Fenster
er seinen Atem hauchte:

Augenblickswesen
wie am ersten Tag.

Malst du bevor
du gehst einen Bus mit
offenem Dach und
Mond und Sternen,
sprach er,
der Knabe,
von Herz zu Herz.

Die Jahre vergingen,
Herbstregen fiel schräg
auf die Dächer.

Der Bus fuhr nur
noch abends.

Versteifte Finger berührten
das Fensterkreuz,

Atem streifte das Glas.

Er schrieb:
Ich bin der Mond,
Ich bin die Sonne,
Ich bin der Bus
mit dem offenen Dach.

 

r.h.

 

Kohlenhändler

Der Kohlenhändler
war geschockt.

Im Keller fand
er eingeritzt

ICH-BIN
– du weißt, das
Gotteswort –

Das hab’ ich
nicht getan,
schrie er und
rannte panisch
durch die
Straße.

Seitdem verkauft
er Seife, flüssig
und im Stück.

Die Leute lachen,
kaufen sich
aus Spaß was
und wünschen ihm
viel Glück.

r.h.

Der fahle Reiter

Achte auf deine Füße,
Tag und Nacht,
der Seele
heimliches Versteck.

Halbmenschen
zurren dich
an einem
fahlen Reiter fest:
Sein Atem
ist die Furcht.
Wehe dir,
wenn du dich entblößt.

Nur in der Dunkelheit
erzähle ich dir von einst,
wenn Bergesluft
und Meeresrauschen,
Tier und Blitz
das Menschenherz
erfüllte.

Achte auf dich beim Gehen.
Achte auf deine Füße,
Tag und Nacht,
der Seele
heimliches Versteck.


rh

 

Der Erstochene

Sprich du
Querschnitt
deines Todes.
Wunde
die dir neue
Hüllen gaben.

Schaue was du
nur geahnt.
Verwandelt
Uhr und Haus
im Wider-Raum:
Schwelle die
uns von einander
trennt.

 

rh

 

Schwelle

Am Tische

saß ein Engel
und schaute
mich fast an.

In meine Hand
er sprach:

„Hol Wasser
aus dem Hahn.“

Ich stand auf....
Die Schwelle schien
mir viel zu hoch,
der Hahn ging
rechtsrum auf,
das Wasser lief
nach oben.

Um den Stuhl,
wo er gesessen,
der Eindruck
eines Regenbogens.

rh

Das Sterben Ali`s

Getroffen

durch den Schatten
des Verrates
Ali seinen
Atem hingab,
Zeit Tropfen im
nackten Sand.

Ramallah,
Tor meines Herzens,
wahrhaft du
die Kette meiner
Gebete bist.

Schatten
du Irre,
die Wüste du nicht
verstandest,
mit jedem Sandkorn
schliff und rieb sie
unsere Seele,
unaufhörlich
bis zum Mensch.

Goldgrün wird sie
einst erscheinen.

Dach meines Hauses
Morgensonne über das
Antlitz meiner Geliebten.

rh