Der Spiegel     

Performance von Katharina Lattermann


Es ist ein Jahr her, dass ich sie traf. Es war Zufall.
Sie hatte sich in hellen Farben gekleidet, ihre Nägel violett lackiert und ihre Haare glatt nach hinten gekämmt. Sie machte einen eleganten Eindruck.
Wir suchten beide auf der Terrasse eines Cafés nach einem leeren Tisch. Nur einer war noch frei mit zwei Stühlen.
Wir lächelten einander zu und luden uns quasi gegenseitig ein, Platz zu nehmen.
„Ich bleibe nicht so lange“, sagte sie. „Ich trinke einen Kaffee und dann gehe ich wieder.“
Nachdem der Kellner die Bestellung entgegengenommen hatte, fragte sie plötzlich: „Was machst du hier?“
Die ungewöhnliche Art, so direkt zu fragen, überraschte mich.
Ich antwortete ein bisschen frech, indem ich sagte: „Auf einem leeren Stuhl Platz nehmen.“
„Tja, ein leerer Stuhl, da sagst du etwas.“


Als ich später nach Hause kam, fand ich ein Zettelchen in meiner Einkaufstüte. Das musste sie hineingesteckt haben, als ich auf der Toilette war.
Ich fand Sie nett, schrieb sie. Sollen wir uns wieder treffen? Nächste Woche, gleicher Tag, gleiche Uhrzeit.
Irritiert, überrascht und gleichzeitig neugierig las ich mehrmals das Zettelchen.
Wer war sie? Sie musste etwa in meinem Alter sein.
Ihre Haltung war mir sofort aufgefallen – gerade, und ihre Schritte leicht.
Sie war ausgesprochen unkonventionell.
Anfangs fand ich sie naiv. Sie war so distanzlos. Sie hatte etwas Ungreifbares und alles, was sie fühlte und dachte, lag wie offen auf der Oberfläche ihres Wesens.

Als wir uns das zweite Mal trafen, fing sie plötzlich an, mir etwas zu erzählen, das sie sehr beschäftigt hatte.
Ich hörte ihr mit einem gewissen inneren Abstand zu. Kaum hatte sie zu Ende erzählt, stand sie auf, legte das Geld für den Kaffee hin und sagte, dass sie gehen müsse.
„Besuch mich doch mal. Hier ist meine Adresse“.
 Für einen Moment schaute sie mich an, dann verschwand sie in der Menge. Ich rief ihr noch nach, dass ich sie besuchen werde.

Zwei Wochen später machte ich übers Wochenende eine Reise nach Rom.
Während des Besuches an dieser Stadt musste ich oft an sie denken. Als wir uns damals vorstellten, hatte sie schlicht „ Mirjam „ gesagt. Nach meiner Reise beschloss ich sie aufzusuchen.  

Als ich klingelte, öffnete eine ältere Frau.
Ich fragte, ob Mirjam hier wohne.
„Nein, nicht mehr. Sie hat vor etwa einer Woche die Wohnung verlassen.“
„Hat sie eine Adresse hinterlassen?“
„Nein, hat sie nicht. Ich putze gerade die Wohnung für den neuen Mieter. Ich kann ihnen leider nicht helfen“.
„Darf ich die Wohnung kurz sehen?“, fragte ich.  
„Kommen Sie ruhig herein. Schauen Sie sich um. Ich mache meine Arbeit weiter. „
Ich lief zu dem Fenster, das sie beschrieben hatte.
Während ich da stand, rollte die Geschichte, die sie mir im Cafe erzählt hatte, in allen ihren Einzelheiten vor mir ab:

Von ihrem Fenster aus hatte sie beobachtet, wie der Nachbar, der auf der anderen Seite des Innenhofes ihr gegenüber wohnte, sich in seiner Küche rasierte.
Er trug Hosenträger über seinem nackten Oberkörper. Seine Haut war auffallend weiß und seine Arme schmächtig. Manchmal traf sie ihn auf dem Innenhof. Er grüsste immer freundlich.
Die Position seines Spiegels, der in seine Küche hing, war so, dass sie von ihrem Fenster aus Umrisse des Spiegelbildes des Mannes sehen konnte.

Sie beobachtete alle seine Bewegungen. Wie er seine Haut strafte und mit größter Sorgfalt das Messer sowohl nach oben als auch nach unten bewegte. Er rasierte sich noch auf altmodische Art. Mit einem langem Rasiermesser. Dann sah sie, wie er das Messer zusammenklappte und mit einem nassen Tuch die Reste des Rasierschaums von seinem Gesicht abwischte.
Noch einmal schaute er in den Spiegel, zog dann Hemd und Jacke an und verließ die Wohnung. Von oben sah sie ihn über den Innenhof gehen.

Sie erzählte dann, wie sie danach zu ihrem eigenen Spiegel lief und sich darin ausführlich betrachtete.
Das Spiegelbild sah aus wie sie, kommentierte sie mit einem feinsinnigen Lächeln.
Sie kämmte sich die Haare und malte ihre Lippen mit einer neuen Farbe an, die sie sich tags zuvor gekauft, aber noch nicht richtig ausprobiert hatte.
Sie machte sich bereit raus zu gehen, fühlte sich ein bisschen wie der Nachbar: Irgendwo hingehen, wo etwas auf einen wartet.
Aber wie aus dem Nichts überfiel sie eine Müdigkeit. Vielleicht lag es an dem üppigen Frühstück, das sie gegessen hatte. Jedenfalls setzte sie sich auf ihr Sofa und wollte sich kürz entspannen, um die Müdigkeit wieder los zu werden.
Sie schloss ihre Augen und sah das Bild von dem sich rasierenden Nachbarn wieder vor sich. Seine Handbewegungen. Wie er das Messer auf seiner Haut ansetzte. Das Abheben des Messers. Eine seltsame Ruhe und Harmonie ging von dieser in ihr ablaufenden Erinnerung aus. Als ob der Mann etwas zelebrierte, quasi sein Spiegelbild befragte.
Das ganze erinnerte sie an etwas, aber für das Gefühl der Erinnerung fand sie keine Worte.
Während sie so vor sich hin sann, übermannte sie auf eine wohlige Art der Schlaf.


Sie kann nicht lange geschlafen haben, vielleicht nur ein paar Minuten.
War es ein Traum?
Sie hatte sich selber in ihrer Wohnung gesehen. Als ob sie von außen nach innen schaute. Nur dieses Außen glich einer Nacht. Einer sich endlos ausbreitenden Finsternis, die sich dennoch licht anfühlte. Sie hatte das Gefühl, dass ihr diese Welt vertraut war.
Sie schaute auf ihr Zimmer wie auf einen Schuhkarton, in dem man als Kind Möbel aus Papier hinein gebaut hatte.
Sie sah sich selbst, sich darin bewegen, sich vor dem Spiegel die Haare kämmen.
Das Ganze  wirkte wie ein Spiegelbild von der Welt, in der sie sich gerade befand. Die Gefühle, die sie in dieser scheinbaren Traumwelt hegte, übersetzten sich dort in  Handlungen, die sich im Entstehen verselbstständigten. Unsichtbare Fäden schienen zwischen ihnen zu laufen. Dennoch war die Figur, die wie sie selbst aussah, unwissend von der, die jetzt auf sie schaute. Alles hatte in dem Raum, in dem sie ihre Haare kämmte, die größte Nähe. Das Anfassen eines Glases, das Schneiden einer Frucht. Alle diese Berührungsmomente bildeten zusammen eine Art von Bewusstseinskörper, einen feinen beweglichen geometrischen Körper. Und wie einen kleinen Schrecken erlebte sie, dass wir ohne diesen Körper sofort tot sind.  Das waren die Worte, die sie für den ganzen Vorgang fand.
Weit entfernt von sich meinte sie, etwas zu sehen - wie Sterne am Himmel, ein Aufblitzen in langsamer Bewegung.  
Dann gab es plötzlich einen leisen Schub und sie erwachte wieder.
Das erste was sich zu sich sagte war: „ Das war kein Traum!“
Dafür war es zu real. Sie wusste die ganze Zeit, dass sie sich in einem anderen Zustand befand.  Sie denkt noch oft über das Erlebte nach. Seitdem schläft sie anders ein.



„Glaubst du an so etwas?“, dabei schaute sie mich prüfend an.
„Ich weiß nicht, ob man an Träume glauben soll, eher nicht“, antwortete ich.

Was ich weiter auf ihre Frage noch sagte, erlebte ich im Nachhinein als belehrend und den Wert ihrer Erlebnisse innerlich von mir fern haltend.
Erst viel später, als ich die Situation nochmals durchdachte, wurde mir klar, dass ein unterschwelliges Gefühl von Antipathie in mir aufstieg, während sie über ihren Traum erzählte. Das hat mir sehr zu denken gegeben.
Als ich ausgesprochen hatte, schaute sie mich mit einem Seufzer an. Sagte dann, dass sie gehen müsse. Lächelte mir zu und verabschiedete sich.

Ich dankte der alten Dame und stieg langsam die Treppen hinunter. Der Hof war leer, als ich zur Strasse lief.


Robert Hogervorst           Juni 2011